Lesen oder Machen?
Das steht nicht im Wiederspruch zueinander. Hier schlägt nur leider wieder das Imageproblem des Handwerks zu. Denn leider glauben noch zu viele, dass die Menschen einen handwerklichen Beruf erlernen, die mit dem Kopf nicht so dabei waren in der Schule und daher vielleicht nicht besonders gut lesen oder schreiben können. SO EIN QUATSCH! Im Handwerk braucht man sehr wohl Mathe- als auch Lesestärke. Es sollte daher heißen Lesen UND Machen! Mir stellt sich aber eine ganz andere Frage (wie so oft): Was kann helfen, um dieses falsche Image zu verbessern?
Wo anfangen?
Per Zufall bin ich eigentlich nur darauf gestoßen, weil ich mir die Zeit im Städtchen vertreiben musste bis zu einem nächsten Termin. Also bin ich dort in eine große, sehr bekannte Buchhandlung gegangen, die man in allen größeren Städten Deutschlands finden kann. Beim ersten Besuch ist es mir schon aufgefallen, aber da die Buchhandlung sehr groß ist, habe ich mir noch 2 weitere Besuche an weiteren Tagen gegönnt, um nicht voreilig Schlüsse zu ziehen. Es ist erschreckend, denn zum Thema Handwerk gibt es leider gar kein eigenes Regal oder themenbezogenen Ständer mit entsprechenden Büchern. Ich war etwas überrascht und habe gedacht, dass ich es einfach übersehen habe. Also habe ich eine Person angesprochen, die dort arbeitet und nach der Handwerksabteilung gefragt. Diese sagte mir: „Schauen Sie doch bitte dort drüben in der Abteilung Kreativität.“ Ok, gut. Was ich dort fand, war lediglich etwas zum Thema Stricken und Töpfern, was dem Handwerk ein wenig näherkam. Du merkst, das ist absolut nicht befriedigend.
(Das T-shirt auf dem Bild HAPPY ENDING STORY = HANDWERK findest du hier)
Ich wollte das einfach nicht glauben. Ich gab also nicht auf und ging nochmal selbst auf die Suche in der Kinderbuchabteilung. Dort fand ich bei Kindersachbüchern etwas über die Baustelle und Werkzeuge. Ja, wenigstens etwas, aber auch gar nicht befriedigend.
Auffällig war, wie groß der Fantasiebereich ist. Absolut fein, Kinder und Fantasie das passt. Aber Kinder und Realität, in der sie leben, passt auch. Warum dann so wenig zum Thema Handwerk. Ich wiederhole mich an dieser Stelle: Wir wissen doch alle wie wichtig das Handwerk für uns Menschen ist! Oder wissen wir es nicht?

Das kann doch nicht wahr sein?
Doch, es ist wahr. In dieser großen Buchhandlungskette wird kein Wert auf Handwerk gelegt. Damit meine ich jetzt nicht Fachliteratur, sondern vielleicht auch etwas mehr DIY Bücher (DIY = Do it yourself). Jeder Mensch, ob noch Kind, Teenager oder Erwachsener, der sich für Handwerk interessiert, ist doch prima. Um das Image des Handwerks zu verbessern, müssen wir uns doch nicht nur auf den Fachkräftemangel konzentrieren. Das mag auch ein Ansatz sein, aber wir sollten vielleicht auch mal ganz woanders hinschauen, wie z.B. in eine Buchhandlung.
An welchen Orten fehlt Handwerk?
Komische Frage eigentlich, denn egal wo du bist, überall ist Handwerk zu sehen. Selbst wenn du in der unberührten Natur stehst, dort ist Handwerk zu sehen. An dir selbst. Deine Kleidung. Sonst wärst du nackt.
Also an welche Orte im zivilisierten Bereich müssen wir Handwerk sichtbarer machen, obwohl es bereits überall ist? Das klingt nach einer sehr schwierigen Aufgabe. Für uns ist alles so selbstverständlich geworden, dass wir es gar nicht mehr wertschätzen, wenn etwas neu gebaut wird, etwas Kaputtes repariert oder saniert wird.
Daher ist es für mich umso wichtiger Bewusstsein zu schaffen, an Orten, wo wir es leider gar nicht mehr erwarten. So ein Ort ist scheinbar auch eine Buchhandlung. Traurig, aber wahr!
Was tun?
Erste und einfachste Schritt: Ich habe diese Buchhandlungskette angeschrieben. Am 13. März 2026 mit dieser E-Mail:
Sehr geehrtes …… Team,
mit großem Interesse habe ich mich mit der Geschichte Ihres Unternehmens sowie mit Ihrem Engagement im Bereich Bildung und Leseförderung beschäftigt. …… versteht sich seit jeher nicht nur als Buchhändler, sondern auch als Ort, an dem Wissen, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe gefördert werden.
Gerade dieser Gedanke – Wissen zugänglich zu machen und Menschen miteinander zu verbinden – ist heute wichtiger denn je. Lesen und Schreiben sollte nicht nur Menschen mit akademischem Hintergrund vorbehalten sein. Bildung entsteht auf vielfältige Weise, und Wissen existiert nicht ausschließlich in universitären Kontexten. Auch im Handwerk steckt ein enormer Schatz an Erfahrung, Tradition, praktischer Intelligenz und kulturellem Wissen, der unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten prägt.
Vor diesem Hintergrund möchte ich eine Anregung teilen:
Das Handwerk könnte in Buchhandlungen – etwa durch thematische Regale, kleine Präsentationsflächen oder kuratierte Buchempfehlungen – sichtbarer gemacht werden. Dabei geht es nicht darum, fachspezifische Ausbildungsliteratur in den Mittelpunkt zu stellen. Vielmehr könnte es um Geschichten, Inspiration, Kultur, Gestaltung, Materialien und die gesellschaftliche Bedeutung des Handwerks gehen.
Eine solche Sichtbarkeit würde mehrere Dinge gleichzeitig fördern:
Sie würde Wertschätzung für handwerkliche Berufe zeigen, Menschen aus unterschiedlichen Bildungswegen ansprechen und zugleich deutlich machen, dass Wissen viele Formen hat. Gerade Buchhandlungen sind Orte, an denen solche Verbindungen entstehen können.
Nicht zuletzt erinnert das Handwerk auch daran, wie eng Kultur, Wissen und praktische Arbeit miteinander verbunden sind. Kein Buch, kein Regal und kein Gebäude einer Buchhandlung würden ohne handwerkliche Arbeit existieren. In diesem Sinne ist das Handwerk ein fundamentaler Bestandteil unserer kulturellen Infrastruktur – und damit auch ein natürlicher Partner für Orte des Wissens wie Buchhandlungen.
Als studierte Schauspielerin weiß ich aus eigener Erfahrung, wie bedeutend Texte, Bücher und Sprache für unsere Gesellschaft sind. Meine persönliche Brücke zum Handwerk hat sich jedoch besonders nach der Flutkatastrophe 2021 in meiner Heimat, dem Ahrtal, weiter verstärkt. Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Initiative #liebegehtrausanshandwerk.
Mit dieser Initiative möchten wir eine Brücke zum Handwerk schlagen – bewusst auch von außen. Das Handwerk selbst leistet bereits sehr viel, um seine Bedeutung sichtbar zu machen und Wertschätzung zu stärken. Wir sind jedoch überzeugt, dass gerade der Blick von außen eine zusätzliche Perspektive eröffnen und neue Räume der Wahrnehmung schaffen kann.
In diesem Sinne wenden wir uns an Sie: Vielleicht gibt es Möglichkeiten, gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie das Handwerk auch in Buchhandlungen sichtbarer werden kann – als Teil unserer Wissens- und Kulturlandschaft.
Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Gedanke bei Ihnen auf Interesse stößt und danke Ihnen für Ihre kontinuierliche Arbeit, Bildung und Lesekultur in unserer Gesellschaft zu fördern. Es würde mich sehr freuen, von Ihnen bald lesen zu können.
Herzliche Grüße aus der Eifel und von der Ahr sendet
Antje Mies
Initiatorin von #liebegehtrausanshandwerk
Antwort?
Leider kam bisher keine Rückantwort außer der automatisch generierten Schnellantwort. Das bedeutet aber ganz sicher nicht Aufgeben für mich.
Was kann jede:r einzelne tun?
Wenn dir solche Orte auffallen, wo Handwerk sichtbar sein sollte, es aber derzeit noch nicht ist, darfst du mir gerne eine Nachricht schicken. Ich werde dann auf Forschungsreise gehe. Oder du versuchst selbst dort eine Person ausfindig zu machen, um mit ihr dann darüber ins Gespräch zu kommen. Es besteht immer die Möglichkeit dies dann gemeinsam in Zukunft zu ändern. Wichtig: Nie als Vorwurf die Situation angehen, sondern vielleicht schon mit konkreten Änderungsideen auf die Ansprechperson zugehen.
Was passiert jetzt als nächstes?
Ich habe mir gedacht, wenn die Buchhandlung noch nicht so weit ist, dieses Thema anzugehen, dann mach ich das. Ich habe via Amazon eine Liste erstellt, auf der ich ganz viele Bücher zum Thema Handwerk gesammelt habe für große und kleine Menschen. Den Link findest du in der Bio von unserem Instagram Account Liebe geht raus ans Handwerk.
Schau dich dort doch gerne mal um. Auch hier wirst du keine Fachliteratur finden. Aber bestimmt das ein oder andere Buch, welches die Brücke zum Handwerk sein könnte.
Handwerk bedeutet Lösungen für Herausforderungen finden! Ich bin bereit dazu, du auch?
Die Antje, die es mal anders anpackt
P.S.: Welches Buch sollte unbedingt noch auf die Liste?


