Ist es noch Leidenschaft?
Das frage ich mich immer wieder, denn es wird viel mehr Leiden geschafft, als das die Leidenschaft, die Freude am Machen, in den Vordergrund gerückt wird.
Im Fokus stehen die ewigen leidvollen Themen. Und langsam bin ich es leid. Immer nur dieselben Schlagzeilen und Überschriften wie Fachkräftemangel, der Nachwuchs ist zu faul, Frauen sind zu wenige im Handwerk und haben es zu schwer, Handwerk ist nicht aufgeschlossen für alle Menschen blablabla. Das mögen alles auch Fakten sein. Aber können wir uns auch mal mit der gleichen Intensität mit den großartigen Seiten des Handwerks befassen! Denn momentan liegt nicht die Leidenschaft im Handwerk selbst, sondern darin Dinge zu finden, warum es dem Handwerk schlecht geht.
Dem Handwerk geht es schlecht?
Grundsätzlich geht es dem Handwerk gar nicht schlecht. Die Herausforderung liegt nur darin, dass zu lange zu wenig für Nachwuchs getan wurde bzw. nicht versucht wurde da neue Strategien zu probieren, sodass es jetzt zu viel Arbeit gibt für zu wenig Handwerksbetriebe. Arbeit gibt es also genug UND KI kann zwar Arbeitsschritte erleichtern, gefährdet aber nicht den Arbeitsplatz des / der Handwerker:in. Das ist doch ein riesiger Vorteil im Vergleich zu vielen akademischen Berufen.
Was ist denn dann das Problem?
Das aus Machen Meckern geworden ist. Wobei Meckern nicht nur schlecht ist. Grundsätzlich ist es nämlich auch gut Prozesse, Arbeitsweisen und Vorgänge zu hinterfragen. Dann aber bitte konstruktiv. Dabei ist es auch ganz wichtig nicht nur über diese Fragen zu debattieren und diskutieren, sondern wieder ins Machen zu kommen. Ansonsten wird aus allem nur eine große Unzufriedenheit, die dann ins Meckern abdriftet.
Was muss sich ändern?
Probieren geht über Studieren! Es braucht Mut zu neuen Prozessen, Vorgängen und Herangehensweisen. Ideen nicht im Keim ersticken und ganz wichtig zu realisieren, dass nicht alles, was in der Vergangenheit funktioniert hat, jetzt noch passt. Ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Es müssen also neue Anpassungen vorgenommen werden. In vielen Bereichen des Handwerks ist das wichtig und ganz besonders im Bereich Nachwuchskräfte.
Wo ansetzten?
Es ist wichtig zu verstehen, sich nicht nur auf einen Lösungsansatz zu konzentrieren. Breitgefächert auf die jüngeren Generationen zuzugehen. Also viele Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.
Jungen Menschen, Jugendliche, entscheiden sich nicht erst wenn sie im letzten Schuljahr einer Schulform sind, welchen Beruf sie ergreifen / erlernen möchten. Das passiert viel früher. Schule ist dafür leider nicht das richtige System. Hier wird tagtäglich gezeigt, was ein Kind noch nicht so gut kann und worin es sich verbessern muss. Wir können das Bildungssystem nicht komplett revolutionieren von jetzt auf gleich, aber wir können anfangen, auch hier ins Machen zu kommen.
Wie soll das gehen?
Es ist klar, wenn Jugendliche auf den letzten Drücker sich entscheiden, eine Bewerbung an sämtliche Betriebe rauszusenden, dass dies ohne Sinn geschieht und eine Art FOMO (=fear of missing out) ist, nämlich die Angst ohne einen Ausbildungsplatz dazustehen, die Angst, die Eltern zu enttäuschen, die Angst, nicht zu wissen, wie es nach der Schule weiter geht. Das kann nicht die Basis für eine Ausbildung sein, egal in welchem Beruf. Hier werden weder die Stärken noch die Vorlieben beachtet. Das führt zu Unzufriedenheit bei Ausbildungsbetrieben und auch bei den Jugendlichen. Also müssen wir viel früher ansetzen.
Bevor ein Kind in die Schule kommt, hat es bereits Vorlieben. Matscht es gern mit Wasser im Sandkasten, spielt es lieber mit den Holzklötzchen, bastelt es gerne etc. All diese Dinge zeigen schon sehr früh, was die Stärken eines Kindes sein könnten. Dies müssen wir fördern. An dieser Stelle ist mit WIR tatsächlich wir ALLE gemeint. Nicht nur Eltern und Familie, Kindergärten oder Schulen. Wir als Menschen tragen hier eine gemeinschaftliche Verantwortung uns gegenseitig in unseren Stärken zu bestärken. Das hört sich erstmal schön an und vor allem: kann jemand anderes machen, ich brauche das nicht tun oder ich habe gar keine Berührungspunkte mit Kindern. Das kann sogar sein, aber selbst wenn du Handwerker:in bist und keinen Kontakt zu Kindern, kannst du etwas beitragen. Erstmal Eigenverantwortung verändern, ob du dich im Bezug auf Handwerk engagieren möchtest. Möchtest du weitergeben, was dich am Handwerk so begeistert? Ich hoffe doch.
Wie kann ich meine Begeisterung für das Handwerk weitergeben?
Dafür gibt es unzählige Möglichkeiten. Ich werde dir hier einige Ideen aufzeigen:
- Sprich oder berichte auf Social Media über das, was dich am Handwerk begeistert
- Schreib einen eigenen Blog (so wie ich)
- Nehme Kontakt zu Kindergärten oder Schulen auf und frag nach, wie ihr zusammenarbeiten könnt, sodass Kinder Zugang zum Handwerk bekommen
- Engagiere dich in deinem Wohnort und mache eine Art Kidswerkstatt 1x die Woche auf (ähnlich wie 1x die Woche Fußball, Tanzen, Pfadfinder etc.)
- Halte öffentliche Vorträge über das, was dich im Handwerk begeistert, z.B. auf Jobmessen, Events deiner Stadt, Tag der offenen Türe an Schulen etc
- Veranstalte selbst einen Tag der offenen Türe bei dir im Betrieb oder lade gezielt Kindergarten- oder Schulgruppen in deinen Betrieb ein
- Biete ein Programm in Ferienfreizeiten an
- Entwickle Bücher (easy mit Hilfe von KI) oder Spiele zum Thema Handwerk (hier findest du mein selbst entwickeltes Kartenspiel)
- Sprich im Alltag mit Menschen über deine Freude im Handwerk tätig zu sein
- Handwerk ist nicht nur ein Beruf, sondern dein Lebensinhalt, der das Leben von so vielen anderen Menschen bereichert. Darauf kannst du Stolz sein und das brauchst du wirklich nicht nur für dich behalten 😊
Diese Ideen sind nur einige. Mit Sicherheit fällt dir noch viel mehr ein, wie du Handwerk auf deine eigene Art und Weise mit vielen Kindern und Jugendlichen teilen kannst.
Was bedeutet Handwerk in der Zukunft?
Handwerk ist nicht nur Machen, auch wenn das weiterhin der Kern von Handwerk ist! Ohne geht es nicht! Aber Handwerk wird in Zukunft mehr sichtbar und dadurch noch mehr an Wert gewinnen. Sichtbar, weil es kostbar geworden ist und sofort erkennbar sein wird, wo Handwerk fehlt. Aber Handwerk wird auch sichtbarer für diejenigen, die dafür vorher keinen Blick hatten. Für diejenigen, für die es selbstverständlich war in einem funktionierenden Haus zu leben. Somit wird auch die Wertschätzung steigen. Das alles ist aber nur möglich, wenn die Menschen, die bereits im Handwerk tätig sind, ihre Begeisterung teilen. Also du und ich.
Ist das ganze eine Einbahnstraße?
Eben nicht. Es wird aber zu einer, wenn das Handwerk nicht offen ist und Impulse von außen zulässt. Und da möchte ich jetzt an die Institutionen appellieren, wie z.B. die Handwerkskammern und Innungen: Bleibt offen für Impulse von außen und versteckt euch nicht hinter “wir machen doch schon was“ oder “wir sind schon lagen da dran“ oder “wir haben das schon immer so gemacht und das funktioniert“. Anpacken gilt es hier auch für diejenigen, die das Handwerk vom Laptop und Büros aus vertreten. Offene Türen sind dabei sehr wichtig.
Ich mach es kurz und knapp: DANKE, dass du Handwerk bist!
Die Antje, die es mal anders anpackt
P.S.: Du musst deine Begeisterung nicht alleine teilen. Mit anderen zusammen geht es oft leichter!


